Eine Hymne an das Leben: Die Schuld muss die Seite wechseln
von Gisèle Pelicot
Gisèle Pelicots Geschichte hat mich schon lange vor diesem Buch erschüttert. Wie vermutlich viele von euch habe ich ihren Namen zum ersten Mal in den Nachrichten gehört und mitverfolgt, wie nach und nach das unfassbare Ausmaß der Verbrechen ans Licht kam, die ihr über Jahre hinweg angetan wurden. Schon damals habe ich mich immer wieder gefragt, wie ein Mensch so etwas einem anderen Menschen – noch dazu der eigenen Ehefrau – antun kann.
Als mein Freund mir Eine Hymne an das Leben: Die Schuld muss die Seite wechseln schenkte, wusste ich deshalb sofort, dass ich das Buch lesen möchte. Dieses Mal wollte ich ihre Geschichte nicht durch Schlagzeilen oder Berichte anderer kennenlernen, sondern aus Gisèle Pelicots eigener Perspektive. Ich dachte, dass mich all das, was ich bereits über ihren Fall wusste, auf ihre Erzählung vorbereitet hätte. Doch schon beim Lesen wurde mir bewusst, dass das kaum möglich war. Bevor ich euch erzähle, welche Gedanken dieses Buch bei mir ausgelöst hat, kommt hier erst einmal der Klappentext. 🤍📚
Zwischen unvorstellbarer Wahrheit, großer Stärke und dem Mut, die Scham zurückzugeben 🤍📚
Gisèle Pelicot kannte ich, wie vermutlich viele Menschen, zunächst aus den Nachrichten. Ich weiß noch sehr genau, wie erschüttert ich war, als ich zum ersten Mal von ihrem Fall hörte. Wie kann ein Mensch seiner eigenen Frau so etwas antun? Mit jeder weiteren Berichterstattung kamen neue erschreckende Details ans Licht und gefühlt nahm das Ausmaß dieses Verbrechens einfach kein Ende.
Als mein Freund mir Eine Hymne an das Leben: Die Schuld muss die Seite wechseln schenkte, war für mich deshalb schnell klar, dass ich das Buch lesen möchte. Ich wollte Gisèle Pelicots eigene Sicht kennenlernen und erfahren, wie sie selbst all das erlebt hat, worüber zuvor so viel berichtet worden war.
Ich dachte tatsächlich, dass mich die Nachrichten und all das, was ich bereits über den Fall wusste, auf dieses Buch vorbereitet hätten. Aber das hatten sie nicht.
Gisèle Pelicot erzählt ihre Geschichte sehr offen und ehrlich. Dabei beginnt das Buch nicht erst mit den Verbrechen und deren Aufdeckung. Wir erfahren viel über ihre Kindheit und Jugend, über die Vergangenheit ihres späteren Mannes, ihr Kennenlernen und das gemeinsame Leben. Auch die Geburt ihrer Kinder und ihr Familienalltag spielen eine wichtige Rolle. Gute wie schlechte Seiten werden dabei nicht ausgespart.
Gerade das hat die Geschichte für mich noch schwerer greifbar gemacht. Über viele Jahre scheint da zunächst das Leben eines Paares und einer Familie zu sein – mit schönen und schwierigen Zeiten, mit Höhen und Tiefen. Und irgendwann steht diesem gemeinsamen Leben eine Wahrheit gegenüber, die kaum zu begreifen ist.
Besonders eindringlich fand ich die Momente, in denen Gisèle Pelicot beschreibt, wie sie auf der Polizeistation nach und nach erfährt, weshalb ihr Mann tatsächlich dort ist und was ihr über Jahre hinweg angetan wurde. Das Ausmaß dieser Verbrechen lässt sich nicht innerhalb weniger Augenblicke erfassen. Beim Lesen hatte ich immer wieder das Gefühl, gemeinsam mit ihr Stück für Stück mit etwas konfrontiert zu werden, das mit jeder neuen Erkenntnis noch unfassbarer wird.
Rückblickend gab es Anzeichen und Situationen, die plötzlich in einem vollkommen anderen Licht erscheinen. Doch genau hier fand ich ihre Schilderungen besonders wichtig: Diese Momente werden mit dem Wissen betrachtet, das sie damals hatte – und nicht mit dem Wissen, das erst später dazukam. Für mich zeigt das sehr deutlich, wie einfach es von außen sein kann, im Nachhinein vermeintliche Warnzeichen zu erkennen, während die betroffene Person in diesem Moment überhaupt keinen Grund hat, das tatsächliche Ausmaß dahinter zu vermuten.
Nichts wird dabei beschönigt. Obwohl ich durch die Berichterstattung bereits einiges über den Fall wusste, bin ich im Buch auf Details gestoßen, die mir vorher nicht bekannt waren und die mich erneut erschüttert haben. Einige Passagen waren für mich wirklich schwer zu lesen.
Gleichzeitig geht es nicht ausschließlich darum, was Gisèle Pelicot selbst erlebt hat. Sehr eindringlich wird auch deutlich, welche Auswirkungen die Wahrheit auf ihre Familie und insbesondere auf ihre Kinder hatte. Gerade die Schilderungen rund um ihre Tochter haben mich sehr berührt. Ein solches Verbrechen betrifft eben nicht nur einen einzelnen Menschen, sondern erschüttert eine ganze Familie und alles, was sie bis dahin über ihr gemeinsames Leben zu wissen glaubte.
Besonders bemerkenswert fand ich, wie ehrlich Gisèle Pelicot auch ihre eigene Entwicklung beschreibt. Heute verbinden viele Menschen mit ihrem Namen ihren öffentlichen Prozess und den Satz „Die Scham muss die Seite wechseln“. Doch dieser Weg war nicht von Anfang an selbstverständlich. Auch sie musste erst an den Punkt gelangen, an dem sie sich dazu entschied, auf ihre Anonymität zu verzichten und den Prozess öffentlich führen zu lassen.
Gerade dieser Aspekt hat bei mir während des Lesens viele Gedanken ausgelöst. Sexualisierte Gewalt ist noch immer viel zu häufig mit Victim Blaming und Täter-Opfer-Umkehr verbunden. Betroffene müssen sich Fragen gefallen lassen, die eigentlich niemals ihnen gestellt werden dürften. Warum haben sie etwas getan oder nicht getan? Warum haben sie nicht früher reagiert? Warum haben sie nicht sofort Anzeige erstattet?
Dabei wird für mich viel zu oft vergessen, wie viel Mut überhaupt notwendig sein kann, sich jemandem anzuvertrauen oder eine Tat anzuzeigen. Und damit endet es nicht. Es folgen möglicherweise Vernehmungen, Untersuchungen und ein Gerichtsverfahren, bei dem das Erlebte immer wieder erzählt und ausgehalten werden muss. Im Fall von Gisèle Pelicot kam zusätzlich eine enorme internationale Öffentlichkeit hinzu.
Ich empfinde deshalb großen Respekt für ihren Umgang mit dem, was ihr angetan wurde. Gleichzeitig finde ich es wichtig, daraus keine Erwartung an andere Betroffene abzuleiten. Nicht jeder Mensch kann oder möchte einen solchen Weg öffentlich gehen – und niemand sollte das müssen. Für mich liegt die Bedeutung von Gisèle Pelicots Entscheidung vielmehr darin, dass sie die Verantwortung und die Scham konsequent dorthin zurückweist, wo sie hingehören: zu den Tätern.
Ihr Satz „Die Scham muss die Seite wechseln“ ist für mich deshalb einer der stärksten Gedanken, die aus diesem Prozess hervorgegangen sind.
Eine Hymne an das Leben war für mich keine leichte Lektüre. Das Buch hat mich erschüttert, wütend und immer wieder fassungslos zurückgelassen. Gleichzeitig war es mir wichtig, Gisèle Pelicots Geschichte einmal aus ihrer eigenen Perspektive zu lesen und nicht ausschließlich durch Nachrichtenberichte und Schlagzeilen kennenzulernen.
Für mich ist dieses Buch deshalb eine sehr erschreckende, aber wichtige Lektüre. Ich vergebe ehrliche 5 Sterne und würde es weiterempfehlen – allerdings unbedingt mit dem Hinweis, sich vorher mit den enthaltenen Themen und möglichen Triggern auseinanderzusetzen. 🤍📚
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